First we take Manhatten,
then we take Berlin

08.09. – 15.10.2022 | Julia Beliaeva
in der Galerie KWADRAT – kuratiert von Dr. Olena Balun
20% der Einnahmen aus dem Ausstellungsverkauf werden an das Ukraine Art Aid Center gespendet (www.dug-ww.com/Kulturgutschutz_Ukraine)

Julia Beliaeva ist vor allem für ihre Porzellanarbeiten und Neuinterpretation handwerklicher Traditionen bekannt. Sie arbeitet aber auch mit Animation, Malerei und Virtual Reality. Ihre Porzellanskulpturen werden anhand von 3D-Scans modelliert und bis heute in der Experimentellen Porzellanfabrik Kyiw gegossen. Diese gilt als prägend für die ukrainische und sowjetische angewandte Kunst, dort wurden Maltechniken auf Porzellan angewendet, die heute auf der UNESCO Welterbe-Liste stehen. Die Fabrik ist seit einigen Jahren offiziell geschlossen, dass Julias Arbeiten dort hergestellt werden, ist eine Ausnahme, unter heutigen Kriegsumständen eine umso beachtenswertere. Für die kommende Ausstellung wurden dort mehrere hundert Porzellanpatronen gegossen.

Natürlich wird in dieser Ausstellung über die aktuelle Situation reflektiert, wichtig anzumerken ist, dass sie bereits für 2021 geplant war, aber durch die Pandemie verhindert wurde. Der Krieg hat die Umstände akut verändert, die Konzeption und die Inhalte beeinflusst und geschärft.

Julia wehrt sich mit ihren Waffen und auch nicht erst seit jetzt. Ihre ersten Patronen wurden 2015 gegossen, als die Krim von Russland annektiert wurde und der Konflikt, den man damals noch nicht als Krieg bezeichnen wollte, im Osten der Ukraine begonnen hat. Das Material Porzellan – extrem fragil, aber auch besonders hart – erhält in dieser Arbeit eine besondere Symbolkraft und Ambivalenz. Jetzt wächst Julias Arsenal: 800 Patronen extra für die Ausstellung in Deutschland. Die Patronen entsprechen in etwa der Größe der echten MG-Munition, sind aber auch ungefähr so groß wie Porzellanfigurinen, die die Kyiwer Porzellanfabrik in den 1950er-1980er Jahren herstellte und die früher auf jeder Anrichte zu finden waren.

Die Direktheit der Waffenskulptur wird mit einem etwas komplexeren Themenspektrum der Videoinstallation abgelöst. Die Arbeit ist als sogenanntes „digitales Porzellan“ konzipiert, als ein 3D-Modell für eine mehrteilige Plastik, die aus verschiedenen Perspektiven in einer Kamerafahrt gezeigt wird, bis sich schließlich die komplette Szenerie eröffnet: junge Menschen auf Skateboards an dem sowjetischen Obelisken zu Ehren der Heldenstadt Kyiw, einem bekannten Spot in der Hauptstadt. Der Ehrentitel „Heldenstadt“ wurde in der Sowjetunion an insgesamt 12 Städte für die heroische Verteidigung im 2. Weltkrieg verliehen. Die Sakralisierung des 2. Weltkrieges war ein Teil der Doktrin der Sowjetunion, und wird immer noch im heutigen Russland als Druckmittel gegenüber den Ex-Sowjetstaaten zum Aufzwingen gemeinsamer Geschichte und russischer Vorherrschaft genutzt. Eine Loslösung davon ist seit den 1990er Jahren ein wichtiges Thema in der Ukraine. Julia geht es in dieser Arbeit Schritt für Schritt an. So ersetzt sie in ihrem Werk die russische Inschrift auf dem Denkmal durch die ukrainische. Zur Emanzipation gehört aber mehr, darunter auch eine Dekonstruktion der Unantastbarkeit mancher Symbole. Gerade die Skater ins Spiel hier zu bringen war ein geschickter Zug.

Skaten ist eine Sportart, die sehr individuell ist, keine Autoritäten akzeptiert, sich jeglichem Drill und Kanon widersetzt und sich von den gesellschaftlichen Normen abgrenzt. Ohne es absichtlich deklariert zu haben, hat die Skater-Community in Kyiw auf eine sehr natürliche Weise einen wirksamen Beitrag zur Demontage totalitärer Symbolik geleistet, indem sie sich in den 1990er Jahren sowjetische Monumente anzueignen begann. Skateparks gab es damals noch keine, aber spiegelglatte Marmor- und Granitoberflächen mit vielen Stufen solcher Denkmalanlagen bieten beste Rollflächen mit spannenden Hindernissen. So wurden Orte, die früher eine pathetische Andachtsatmosphäre umgab, zu Treffpunkten einer freiheitsliebenden Subkultur. Nutzung durch das Skaten bedeutet auch eine Abnutzung. Nach dem Motto „skate and destroy“ eignet man sich die Umgebung durch ihren Verschleiß an, vor dem man aber auch selbst nicht verschont bleibt. Das Destruktive ist hier kein Selbstzweck, sondern eine Manifestation des Lebendigseins. Dass jedes Leben Spuren hinterlässt ist ein Teil der Normalität, die solchen Denkmalstätten definitiv fehlte.

Die Künstlerin nennt ihre Arbeit „Heroes of the City“ und kontert damit auch den heldenhaften Darstellungskanon. Menschenbilder in der sowjetischen Denkmaltradition sind von martialischer, monumentaler Körperlichkeit und austauschbarer Physiognomie geprägt. Julia schafft einen interessanten stilistischen Spagat: sie arbeitet nah am sowjetischen Modernismus oder dem sogenannten „strengen Stil“, den elegante, strenge Reduktion kennzeichnet. Sie meidet jedoch das betont Monumentale, die Körper sind sportlich und drahtig, die Haltung gibt alles her, von der Lässigkeit bis zur anmutigen Spannung, die Dargestellten sind Charaktere, keine eherne Muskelmasse. Porzellan als potenzielles Material der „Heroes“ ist ein vollkommener Gegensatz zu den üblichen Heldendenkmälern aus Stein und Metall. Es lässt per se alles zarter erscheinen. Skater aus Porzellan sind ein Widerspruch, der den Trotz und die Selbstironie dieser Community aufgreift. Die eigene Zerbrechlichkeit in Kauf zu nehmen ist befreiend und lebensbejahend.

Zudem positioniert sich Skateboarding als eine friedensstiftende Bewegung, die Gemeinschaft und individuellen Ausdruck schätzt und fördert – im Grunde wie Kunst. Skatelegende Titus Dittmann bringt in Krisengebieten Jugendlichen das Skaten bei: „Kinder, die Skaten, schießen nicht,“ sagt er. Frieden ist derzeit ersehnt, und wird in der Ukraine permanent gefährdet. Die Arbeit ist mit eine Soundkulisse hinterlegt, in der Sirenen der Luftalarme zu erkennen sind. Seit einem halben Jahr gehören sie nun zum Alltag in Kyiw. So lange bietet man schon die Stirn den Großmachtphantasien des Aggressors. Auf letztere spielt der Ausstellungstitel an, ist aber auch ein Songzitat von Leonard Cohen. Die Schönheit des Liedes und romantisierende Rhetorik lässt vergessen, dass es eigentlich von Wahnvorstellungen des Terrorismus erzählt – ein künstlerisches Experiment über einen perfiden Mechanismus, den viele Aggressoren nutzen. Im jetzigen Krieg auch. Nur zum Glück konnte der Angreifer nicht alle Drohungen wahr werden lassen.